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Dharma-Beiträge

Ri-me, eine offene Geisteshaltung hier und jetzt

Ani Karma Tsultrim (Ingrid Hupfer-Neu)

Die Frage, welche Tradition das Dharma-Tor vertritt, ist nicht ganz leicht zu beantworten. Wir wurden schon mehrmals darauf angesprochen, und so fragte ich Ringu Tulku Rinpoche, was wir darauf antworten sollen. Wir haben eine klar ausgerichtete Praxis, sind aber von unserer Geisteshaltung her offen und sehen unser Zentrum als Ort, an dem der Buddha-Dharma praktiziert und studiert wird. Viele Leute genügt das aber nicht als Antwort und sie wollen uns am liebsten in eine vorgefertigte enge, konzeptuelle Schublade stecken. –

Rinpoche sagte: „Wir sind Ri-me-Tradition“ – obgleich Ri-me eigentlich wiederum keine Tradition ist, sondern am ehesten als eine offene Geisteshaltung bezeichnet werden kann, und somit auch kein festes Konzept darstellt. Trotzdem sagte er: „Das macht nichts, sag einfach, wir sind Ri-me.“ –

Jamgön Kongtrul

Was ist Ri-me?

Ri-me bedeutet soviel wie nicht-sektiererisch und ist ursprünglich eine Bewegung des tibetischen Buddhismus, die im 19. Jahrhundert einen durchgreifenden Aufschwung erlebte. Die Ri-me-Haltung wird nun aber für die Zukunft im Westen sehr bedeutungsvoll. Eine offene Geisteshaltung im Sinne der Ri-me-Bewegung ist die Basis für eine tolerante, wertschätzende Einstellung, die in unserer Zeit der Vielfalt dem Dharma-Praktizierenden ein Leben in harmonischem Nebeneinander und Miteinander mit Menschen anderer buddhistischer Traditionen und anderer Religionen möglich macht. – Buddhistische Praxis soll zur Öffnung des Geistes führen. Das heißt, eine enge, zum Sektierertum neigende Haltung würde genau entgegengesetzt wirken.

Die Ri-me-Bewegung zu vertreten, ist also eine wunderbare Sache. Nur darf das wiederum in der Praxis auch nicht missverstanden werden. Ri-me bedeutet nicht, alle Übungen und philosophischen Auslegungen zu vermischen. Ri-me heißt vielmehr, den Wert aller Linien und Traditionen zu schätzen und die Vielfalt der Übungswege und Methoden als Medizin zu betrachten, um einzelnen Individuen den Weg zur Befreiung und Erleuchtung zu ebnen. Dabei können durchaus verschiedene Methoden aus unterschiedlichen Traditionen praktiziert und mit der eigenen schwerpunktmäßigen Praxis kombiniert werden, um an uns zu arbeiten. Wenn wir aber eine bestimmte Übung machen oder eine bestimmte philosophische Ansicht darlegen, muss uns bewusst sein, aus welcher Quelle, das heißt Übertragungslinie bzw. Tradition sie stammt. Nur so kann eine übergreifende Praxis fruchtbringend sein, ohne den Buddha-Dharma zu verwässern.

Wie Ringu Tulku sagt: „Je mehr man von den Dingen versteht, desto offener und toleranter wird man. Desto klarer erkennt und schätzt man aber auch Unterschiede und ihren Wert. Je weniger man versteht und weiß, desto enger und sektiererischer ist die Sicht.“

Was bedeutet das für das Dharma-Tor?

Rinpoche als Präsident der spirituellen Leitung des Dharma-Tores ist ein authentischer Vertreter der Ri-me-Bewegung, wobei sich Ri-me für uns auf alle buddhistischen Traditionen bezieht, die im Westen vertreten sind. Wir sind offen für alle Praktizierenden, die aus den verschiedenen Schulrichtungen zu uns kommen. Aber innerhalb dieser Offenheit gehen wir einen authentischen Weg und folgen in unserer Praxis einem klar aufgebauten Übungs- und Studienplan, der insbesondere auf den Erhalt des Buddha-Dharma in seiner Essenz und seine Integration in unser westliches Leben abgestimmt ist.

Etwas zur Geschichte

Einen Aufschwung nahm die Ri-me-Bewegung durch die Aktivität bedeutender Meister in Ost-Tibet, die der zunehmenden Abkapselung der Klöster und der damit verbundenen engherzigen Haltung der monastischen Institutionen entgegenwirken wollten. Zu den bedeutendsten Vertretern gehörten Jamyang Khyentse Wangpo, Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye, Terchen Chokyur Lingpa, Mipham Rinpoche und Patrul Rinpoche. Ringu Tulku Rinpoche ist ein hervorragender Kenner des Werkes und Vermächtnisses von Jamgön Kongtrul und der Ri-me-Bewegung. Er hat darüber eine wissenschaftliche Arbeit verfasst und dafür den Doktorgrad von der Internationalen Nyingma-Gesellschaft erhalten.

Die Bedeutung von Ri-me für den Westen

Wir haben hier im Westen inzwischen alle Traditionen des Buddhismus vertreten. Ri-me wird also für den gesamten Buddhismus eine tragende Rolle spielen, auch wenn es bis dahin sicher noch einige Zeit dauert, bis dies wirklich in die Praxis umgesetzt wird. Aber in der Deutschen Buddhistischen Union kann man bereits gute Ansätze beobachten, die in diese Richtung weisen. – Ringu Tulku Rinpoche geht sogar so weit, aus interreligiöser Sicht bis zu einem gewissen Grad alle religiösen Praktiken im weitesten Sinn einzubeziehen, denn sie alle sind hilfreiche Methoden auf verschiedenen Stufen eines spirituellen Weges. Durch das Aufleben des Ri-me-Gedankens kann eine sektiererische Abkapselung der verschiedenen buddhistischen Traditionen und die damit einhergehende intolerante Entwicklung vermieden werden. Wir können aus der Offenheit und gütig-mitfühlenden Haltung großer Meister lernen, die uns dies heute vorleben. Wir können das, wie gesagt, auf das Miteinander in unserer multi-religiösen Gesellschaft und auf das fruchtbare Zusammenwirken der verschiedenen buddhistischen Traditionen übertragen. Jeder einzelne Dharma-Praktizierende kann durch diese Ri-me-Haltung in seinem Alltag beitragen, dass Verständnis und Akzeptanz zur Selbstverständlichkeit werden. Dadurch wird Ri-me zu einem Ausdruck des lebendigen Dharma. Der Praktizierende lernt, seine eigene Praxis konfliktfrei in den Alltag und das Miteinander zu integrieren, was unter unseren Lebensumständen oft nicht leicht ist. Vieles, womit wir täglich konfrontiert werden, scheint dem zu widersprechen.

Ri-me heute – keine Aufforderung zum „Dharma-Shopping“

Ri-me bedeutet also, Methoden aller Schulen und Traditionen zu schätzen und nichts als minderwertig zurückzuweisen. Es bedeutet aber auch, authentische Praxismethoden nicht zu vermischen, sondern für ihren klaren und sauberen Erhalt zu sorgen. In unserer Zeit ist dies sehr wichtig geworden, um bei all dem „Dharma-Angebot“ den modernen Praxis-Konsum eines buddhistischen Supermarktes zu verhindern, zu dem sich bedauerlicher Weise manche Praktizierende verleiten lassen und sich nach Belieben zusammensuchen, was ihnen gefällt. Das ist nicht sehr heilsam und widerspricht der traditionellen Vorgehensweise. Bedeutende Meister haben sich bereits energisch gegen das moderne „Dharma-Shopping“ ausgesprochen. Es kann große Hindernisse auf dem Weg hervorrufen.

Wieder zum Dharma-Tor

Das Dharma-Tor soll dem traditionellen buddhistischen Weg auf den verschiedenen Stufen der Praxis eine Heimstätte sein. Wir sind durch Ri-me offen und setzen verschiedene Übungen ein, um uns auf dem Weg zu schulen. Wir schätzen die Quelle des Buddha-Dharma, die ursprüngliche Lehre, die der Buddha durch seine Lehrreden überträgt. Sie ist klar in den Aussagen und enthält alles, um den ganzen Weg zu gehen. So, wie ein Arzt verschiedene Medizin verordnet, schätzen wir zusätzlich Methoden aus dem Zen und aus dem Vajrayana bzw. buddhistischen Yoga und der Heilpraxis, um an uns selbst und mit anderen zu arbeiten.

Ausblick

Möge der Ri-me-Gedanke viel Positives in der Entwicklung des Buddhismus im Westen bewirken. Möge er dazu beitragen, dass Toleranz, Akzeptanz und Verständnis im rechten Sinn unter den Vertretern der verschiedenen Schulen des Buddhismus im Westen, unter den Dharma-Praktizierenden selbst und bei der nicht leichten Aufgabe, den Buddha-Dharma im westlichen Alltag zu integrieren und zu leben, lebendig sind. Möge bei diesem Prozess der ursprüngliche Buddha-Dharma in der Essenz unverfälscht erhalten bleiben.