DT-Logo weissKopfbild DT

Dharma-Beiträge

Der WEG ist in dir – Die rechte Haltung mit Körper, Rede und Geist ist die Stütze unserer Praxis

Warum ich buddhistische Nonne geworden bin

Ani Karma Tsultrim (Ingrid Hupfer-Neu)

Ani-la sitzend 1

Im März 2006 bin ich den sehr persönlichen Schritt gegangen und habe mich zur buddhistischen Nonne ordinieren lassen. Die Ordination wurde durch Ringu Tulku Rinpoche, der seit vielen Jahren meinen spirituellen Weg betreut, in unserem neuen Zentrum in Huttenried durch ein schlichtes Ritual vollzogen. So wurde das „Innere Mönchstum“, das ich bisher gelebt habe, in ein „echtes Mönchs- bzw. Nonnentum“ verwandelt und ist nun auch lebendig nach außen wirksam geworden. Wie meine Dharma-Freunde wissen, bedeutete dieser Schritt für mich keine Veränderung, eher eine Stabilisierung dessen, was ich seit Jahren lebe. Ich bin einfach durch ein offenes Tor getreten, da sich mein Leben schon seit langem an Regeln des Vinaya (Buch der Ordensregeln) orientiert hat. Durch die Ordination erhielt ich nun die grundlegenden Gelübde für Mönche und Nonnen auf Lebenszeit verpflichtend übertragen. Viele der zusätzlichen Regeln des Vinaya halte ich ein und lebe danach in einer Weise, wie es den Umständen in unserer westlichen Welt und entsprechend meiner Dharma-Aufgabe möglich und angemessen ist. Dadurch bin ich beweglicher und weniger von der Gunst und Hilfsbereitschaft der Laien abhängig als eine voll ordinierte Nonne, für die das gesamte Vinaya verpflichtend ist. Diese Form der Ordination war Rinpoches Entscheidung. Er sagte zu mir: „Halte die grundlegenden Gelübde ein und lebe die anderen Ordinationsregeln den Umständen in der westlichen Welt und deiner Dharma-Aufgabe entsprechend.“

Auf diese Weise kann ich ungehindert meine Dharma-Aktivitäten ausüben, was bei einer strikten Einhaltung sämtlicher Regeln an unüberwindbare Grenzen stoßen würde. Dies setzt natürlich eine besondere Selbstdisziplin und ein klares Urteilsvermögen aus der Sicht des Dharma voraus. Es zeigt aber auch, wie gut und wichtig die Regeln sind. Sie schützen davor, mit Verhalten und Handlung in samsarische Verstrickungen zurückzufallen. Nur so ist aus meiner Sicht unter den hiesigen Lebensumständen ein Leben als buddhistische Nonne sinnvoll und nützlich. Denn die Gegebenheiten in der westlichen Gesellschaft sind alles andere als eine passende Voraussetzung für den „heiligen Lebenswandel“, Brahmacharya. Das aber darf nicht davon abhalten, ein Teil des Arya Sangha der Mönche und Nonnen zu werden und dazu beizutragen, diesen hier zu etablieren. Denn nur wenn neben dem Laien-Sangha auch der Sangha der Ordinierten entsteht, können die Drei Juwelen wirklich im Westen lebendig werden und kann die Lehre authentisch Fuß fassen, sich entwickeln und integriert werden.

Obwohl es für mich irgendwie selbstverständlich war und es sich über lange Zeit durch mein Leben und meine Praxis in diese Richtung entwickelt hatte, steht natürlich die Frage im Raum, warum ich diesen Schritt getan habe – hier im Westen, in einem Teil der Welt, in dem das Leben als Ordinierte nicht gerade einfach ist, da eigentlich alles im Widerspruch zu den Ordinationsregeln des buddhistischen Vinaya zu sein scheint. Deshalb möchte ich hier ein paar Gedanken mitteilen, die meine Entscheidung verdeutlichen sollen.

Ani-la sitzend 2

Warum bin ich buddhistische Nonne geworden?

Es ist wichtig, dass es westliche Ordinierte gibt, die eine Brücke bauen von der traditionellen Überlieferung zum modernen Leben im Westen. Dharma muss sich authentisch und lebendig integrieren können, in seiner tiefen Essenz, letztendlich frei vom Ballast anderer Kulturen, aber ohne dabei verfälscht zu werden und zu verflachen. Das ist eine besondere Aufgabe, die wir haben. Sie kann aber nur von westlichen Ordinierten erfüllt werden, die den Dharma von asiatischen Meistern in ungebrochener Linie übertragen bekommen, ihn selbst praktizieren, ihn inmitten unserer Gesellschaft leben und aus ihrer eigenen Erfahrung und Verwirklichung heraus weitergeben. Der Buddha hat gelehrt, dass Dharma zeitlos ist, da er die letztendliche Wahrheit beschreibt, die jeder Einzelne in sich selbst erfahren kann. Dharma ist eine globale Lehre, frei von jeglichem Dogma, frei von jeglicher Glaubensverpflichtung. Deshalb kann er auch überall und jederzeit praktiziert werden und sich in jede Kultur integrieren. Diesen Integrations-Prozess haben wir gerade vor uns und er wird sehr lange dauern. Noch werden viele Praktizierende von der Faszination östlicher Farbenpracht und Rituale so sehr in den Bann gezogen, dass sie das, was Dharma eigentlich ist, kaum wirklich erkennen. Dadurch ist in manchen westlichen Zentren und in den Köpfen vieler Praktizierender nicht Dharma im Vordergrund, sondern eine Imitation östlich geprägter Dharma-Kultur. Wir aber sind weder Tibeter, noch Japaner, noch Chinesen, Thailänder oder Vietnamesen... Wir sind Europäer. Dharma hat in seiner Essenz nichts mit dem Tibet-Problem, mit bunten Festen oder den überaus strengen und rohen Schulungsmethoden zu tun, wie sie bei der Erziehung hoher tibetischer Lamas eingesetzt wurden. Dharma hat auch nichts mit der vietnamesischen Politik, mit thailändischen Blumenopfern oder japanischem Samurai-Stil zu tun. In all diesen Ländern ist der Dharma irgendwann vor vielen Jahrhunderten ebenso neu angekommen, wie jetzt bei uns. Überall hat er sich eingefügt und ein besonderes äußeres Bild angenommen. Wenn man tiefer schaut, erkennt man, dass die Essenz der Lehren dabei unverfälscht erhalten geblieben ist, oft verdeckt unter kulturellen Ornamenten.

Der Buddha-Dharma ist schlicht und direkt. Er ist die Lehre vom Leiden, von der Ursache des Leidens, von der Aufhebung des Leidens und vom Weg, der zur Aufhebung des Leidens führt. Und dazu gibt es eine Vielzahl von Übungsmethoden, die in verschiedenen Traditionen und Schulrichtungen gelehrt werden. Das ist Dharma.

Nun ist dieser Integrationsprozess bei uns angekommen. Dabei ist es wichtig, dass wir nicht den Dharma unseren westlichen Konzepten und Verhaltensweisen anpassen, denn gerade diese sind es, die uns Probleme und Leiden schaffen. Wir müssen zuerst daran arbeiten, unsere Sicht, die durch die westliche Erziehung in vielem konträr zur buddhistischen Sicht steht, zu drehen und dann den ganzen Schatz der Lehren und Übungsmethoden lebendig erhalten. Wir haben das große Geschenk, bei uns im Westen alle Traditionen und Überlieferungslinien und damit sämtliche Schriften des buddhistischen Kanons und alle Methoden zur Verfügung zu haben und zu vereinen. Das gibt uns tatsächlich die Möglichkeit, die Essenz der Lehre unter der kulturellen Verkleidung zu erkennen und herauszuarbeiten. Ich bin durch die Ordination durch einen tibetischen Lama auch keine tibetische Nonne geworden, sondern ich bin in diesem Leben hier geboren und habe damit die Aufgabe einer deutschen bzw. europäischen Nonne, die das Vinaya und den Segen einer lebendigen Überlieferungslinie, die bis auf den Buddha zurückgeht, von ihrem asiatischen Meister übertragen bekommen hat und dies nun hier im Westen hält und vertritt.

Der Sangha der Ordinierten und der Sangha der Laienpraktizierenden sind wie die zwei Flügel eines Vogels. Sie stützen den Dharma, sie halten die Überlieferung lebendig. Die Laien tragen dazu bei, dass der Buddhismus mit seiner hohen Ethik und seinen tiefgründigen Praxismethoden wirklich gelebt wird, d.h. in den Alltag integriert und in die Familien und die Gesellschaft hineingetragen wird. Die Ordinierten stehen stellvertretend für die Drei Juwelen. Sie sollen in ihrem Verhalten, in Praxis und Studien Vorbild sein. Sie widmen ihre Zeit ausschließlich Studium, Praxis und Weitergabe der Lehre und Übungsmethoden, leiten Praktizierende auf ihrem Weg und führen andere Dharma-Aktivitäten aus. Das ist in allen Traditionen so bzw. sollte so sein. (Leider ist nicht bei allen Westlern, die die Robe nehmen, eine solch klare Ausrichtung und reine Motivation zu finden.)

Ordinierte leben die Entsagung von weltlichen Dingen und den Weg der Einfachheit vor und – was im Westen ein gewisses Abenteuer ist – zeigen, dass diese Einfachheit und Bescheidenheit, dieses Loslassen von weltlichen Dingen auch hier möglich ist. Die Gruppe der westlichen Ordinierten ist noch verschwindend klein. So ist dieser sehr persönliche Schritt, den ich getan habe, auch eine gewisse Herausforderung. Vor allem entspricht er ganz der altruistischen Geisteshaltung, sowohl für den eigenen Weg, als auch zum Wohl aller Wesen das Beste zu tun.

Die Vergangenheit ist vergangen, ich schleppe keine alte Last mit mir herum. Ich versuche mitzufließen und im Hier und Jetzt zu leben. Aber die Bedingungen für dieses Hier und Jetzt sind aus Vergangenem entstanden, das mich dahin gebracht hat, wo ich jetzt stehe. Ich habe viel Leid gesehen und erfahren und sogenannte „Schicksalsschläge“ erlitten. In aller Lebendigkeit bin ich mit Krankheit und Tod konfrontiert worden. Das hat mir die Augen geöffnet, und so bin ich heute dankbar für all diese Erfahrungen. Im Laufe meines Lebens hat sich ein Leitsatz in mir geprägt: Nimm jede Situation an, so wie sie ist, und mach das Beste daraus.

Ani-la stehend 2

Und warum hier im Westen Nonne der buddhistischen Tradition, wo doch der Dharma aus westlicher Sicht immer noch so etwas „Fremdes“ ist?

Nun Dharma steht als Begriff für die letztendliche Wahrheit, die alle Ideen, Vorstellungen, Konzepte und Philosophien transzendiert. Wenn jemand fragt, was diese letztendliche Wahrheit ist, kann man antworten: Das weiß ich nicht, das lässt sich nicht in Worten ausdrücken. Denn jedes Wort ist ein Begriff, den wir mit einer Bedeutung, einer Vorstellung besetzen. Natürlich benutzen wir Begriffe wie Buddhanatur, Natur des Geistes, klare strahlende Bewusstheit, Dharmakaya. Aber niemand sagt, da ist das oder das, etwas an das man glauben muss. Der Buddha hat gesagt: Glaube nicht blind meinen Worten, sondern praktiziere und du wirst es in deinem eigenen Inneren erfahren.

Das ist das Wunderbare an der buddhistischen Lehre. Das ist der Weg zur Befreiung aus dem Leiden, das ist es, was „Erleuchtung“ genannt wird. Wer in diesen Weg und in die Lehre des Buddha tiefes Vertrauen setzt, der wird gewinnen, der wird sich selbst erkennen, so wie Es ist. Dem Buddhaweg zu folgen macht uns geduldiger, ruhiger, friedvoller, gleichmütiger. Das ist, was zählt. Ich habe Demut und Vertrauen gelernt. Nicht eine unterwürfige Demut, wie im Westen oft missverstanden, sondern eine Demut, die auf Vertrauen und Hingabe aufbaut, die Kraft gibt und stark macht für den Weg und die Aufgabe im Dharma. Das ist der Schlüssel zum Ganzen. Das sind die wahren Werte dieses Lebens, die uns innerlich befreien – einfach, schlicht, klar und direkt.

So war auch die ursprüngliche Ordination des Buddha – einfach und schlicht. Wenn jemand in den Orden eintreten wollte, sagte er: „Komm, Mönch“ oder „komm Nonne“. Das war alles, so wunderbar einfach. Die ganze Ordination, ohne komplizierte Rituale, ohne kulturelle Schnörkel und Ornamente. Alle Ordensregeln sind dann nach und nach entstanden, die Rituale erst später. Die Ordensregeln, das Vinaya, hat der Buddha selbst aufgestellt, weil die Menschen so viele Fehler gemacht haben, weil seine Mönche und Nonnen so vieles getan haben, was der buddhistischen Ethik und Lehre, d.h. dem Weg zur Befreiung aus dem Leidenskreislauf widerspricht. Heute dient uns all das als Gelübde, Regeln und Richtlinien, um den Weg unter besten Voraussetzungen gehen zu können. Dabei dürfen wir nie den Fehler machen, das Vinaya zu verändern, weil es so schwer im Westen zu leben ist. Das Vinaya ist in Ordnung. Die westliche Lebenshaltung und Denkweise muss sich langsam verändern – hin zu mehr Freigebigkeit, Großzügigkeit, Toleranz, Offenheit, Güte und einer gesunden „Entschleunigung“ – und weg von Egozentriertheit, Ellbogengesellschaft und materialistisch geprägtem Denken und Handeln. Dies ist ein langwieriger Prozess. Damit dies geschehen kann, müssen wir als Ordinierte zum Integrationsprozess beitragen – nicht, indem wir nach Asien gehen und dort in Klöstern verschwinden, sondern indem wir hier wirken. Wir sind hier geboren und so haben wir hier unsere Aufgabe zu erfüllen.

Praxis im frühen Buddhismus, Zen und Vajrayana

Ich bin heute überaus dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, die wichtigsten Traditionen kennen zu lernen, in ihnen zu lernen und zu praktizieren. Im frühen Buddhismus habe ich mir eine stabile Basis für Verständnis und Praxis schaffen können und bin dem Dharma in seiner ursprünglichen Form begegnet. Dies ist und bleibt der Dharma in der Essenz. Es gibt keinen anderen Dharma als diesen. Die Worte des Buddha sind die Kernlehre zur Befreiung des Geistes in allen Traditionen, die sich später entwickelt haben. Wohl gibt es verschiedene Auslegungen, spätere sehr subtile Darlegungen und eine Vielzahl von Praxismethoden auf allen Stufen des Weges. Die Kernlehre und das Vinaya aber verbinden alle Traditionen und Schulrichtungen.

Die Zen-Übung ist eine besondere Form des Trainings. Sie hat mich darin geschult, die Dinge direkt zu sehen, konsequent voran zu gehen, auf Situationen flexibel zu reagieren. Ich lernte vor nichts gleich zurückzuweichen, sondern in Situationen hinein zu gehen und durch zu gehen. Das war sehr wichtig für meine Entwicklung. Daraus schöpfe ich die Kraft für alle Dharma-Aktivitäten und Schritte, die damit zusammenhängen. Das ist dasselbe, was auch in den höheren Lehren von Mahamudra und Dzogchen gelehrt wird.

Dann habe ich angefangen, neben der Zen-Übung auch Vajrayana zu praktizieren. Für mich war es wichtig, weiter an mir zu arbeiten. Der innere Transformations-Prozess ist unumgänglich. Natürlich – wie es im Zen und im Dzogchen heißt – im Grunde gibt es nichts zu verändern und zu verbessern, zu reinigen und zu transformieren. Im Grunde ist alles vollendet, so wie es ist. Diese Aussage wird aber oft missverstanden, die beiden Ebenen der relativen und absoluten Wirklichkeit werden durcheinander gebracht. Aus letztendlicher Sicht ist alles perfekt. Alles ist Buddhanatur. Alles ist Erleuchtung. Aber wir in unserem samsarischen Geisteszustand sind es eben nicht. Die drei Wurzeln des Übels halten uns ganz fest im Griff, wenn wir nicht an uns arbeiten, unsere Konzepte, Verhaltensmuster, Wünsche und Abneigungen loswerden, unsere Last ablegen und den Kreislauf des Leidens durchbrechen. Und das Loslassen fällt uns so schwer. Es braucht Übung, es braucht Training über viele Jahre, über viele Leben. Und dazu benötigen wir ein tiefes Verständnis and spezielle Methoden.

Der Buddha hat liebende Güte und unbegrenztes Mitgefühl zu allen Wesen gelehrt und vorgelebt. Im Mahayana haben sich besondere Schulungsmethoden entwickelt, die uns die Entfaltung dieser hohen Werte erleichtern. Das Vajrayana stellt uns zusätzlich geschickte Übungsmethoden zur Verfügung, die uns helfen, die tief eingeprägten Verhaltensmuster zu erkennen und aufzulösen, und dadurch einen intensiven Transformationsprozess in Gang setzen. Für mich ist nun der Mahamudra-Weg und die Schulung in Richtung Mahamudra und Dzogchen eine wunderbare Möglichkeit, weiter an mir zu arbeiten. Und aus all den vielen Jahren meiner Praxis-Erfahrung gebe ich die Lehre an andere weiter und begleite sie auf ihrem Weg.

Das Zentrum, das ich aufgebaut habe, und das nun seit Oktober letzten Jahres eine neue Heimat hat, wo ich auch lebe und Praktizierende in ihrer Praxis anleite und betreue, ist ein Ort, der auf lange Sicht auch anderen eine Heimat sein soll, die den Weg mit ganzem Herzen gehen und ihr Leben im Retreat verbringen möchten, gerade auch im Alter, wenn eine entsprechende spirituelle Umgebung ganz besonders wichtig ist.

Ordination schützt vor der Täuschung durch weltliche Siddhis und weltliche Dharmas

Der Buddha hat klar dargelegt, dass das einzige bedeutsame Siddhi (vollkommene Fähigkeit) das sogenannte überweltliche Siddhi ist. Es ist die Befreiung von Samsara, die Erleuchtung in der Natur des Geistes, frei von allem Leiden. Die weltlichen Siddhis sind kein spezifisches Merkmal des Fortschritts auf dem Weg. Es geht nicht darum, durch die Luft zu fliegen, Wundertaten zu vollbringen oder hellsichtig zu werden, auch wenn solche Fähigkeiten durch die Schulung des Geistes und das Training des Gewahrseins auftreten können. Aber im Grunde sind es Eigenschaften, die nichts mit dem Buddhaweg zu tun haben und nicht zur Befreiung und „Erleuchtung“ beitragen. Deshalb werden sie auch „weltlich“ genannt. Auch der sogenannte „schwarze Pfad“, der voller Unheil für den Be-treffenden und die anderen Lebewesen ist, weist solche Merkmale auf. Der Buddha hat sich deshalb strikt gegen eine Überbewertung sogenannter höherer Fähigkeiten ausgesprochen, ja seine Mönche heftig kritisiert und gescholten, wenn sie solche Fähigkeiten demonstriert haben. Sie führen nicht zur Erleuchtung, können jemanden sogar tief in Samsara hinein ziehen, wenn er auf solche Fähigkeiten stolz ist oder sie sogar missbraucht. Dazu gibt es genügend überlieferte Geschichten und auch aus der neueren Zeit Beispiele – positive und negative.

Ein Leben nach dem Vinaya schützt vor den weltlichen Dharmas – Erwartung bzw. Ablehnung von Freude und Leid, Lob und Tadel, Gewinn und Verlust, Ruhm und Demütigung – und damit auch vor einer Verstrickung in die weltlichen Siddhis. Gerade die Vajrayana-Praxis verleitet leider häufig zu einem Missverständnis in dieser Richtung. Manchmal geht es sogar so weit, dass Praktizierende meinen, sie sind so weit fortgeschritten, dass sie sich alles erlauben können, alles tun dürfen, jegliches Verhalten in Ordnung ist. Da aber öffnet sich die Falle der geistigen Dämonen.

Das Ego ist sehr trickreich. Solange es nicht an der Wurzel abgeschnitten ist, ist äußerste Achtsamkeit auf unser Handeln, unsere Geisteshaltung und unsere Disziplin notwendig. Dazu helfen uns die Ordinationsregeln. Sie schützen uns und leiten uns immer wieder in die richtige Richtung.

Der wahre Weg verlangt Einsgerichtetheit, keine Ab- und Ausschweifungen. Und diese Einsgerichtetheit hat mich veranlasst die Robe zu nehmen und dadurch meine Konsequenz auf dem Weg noch einmal zu bestärken.

Ani-la stehend 3

Meine Dharma-Aufgabe

Aus der Vielzahl der Traditionen und Überlieferungslinien hat sich im Laufe der Jahre ein klarer Weg für mich persönlich und für die Weitergabe von Lehre und Praxis in unserem Zentrum herauskristallisiert. Schwerpunkt ist ein grundlegendes Verständnis der Buddhalehre, die Achtsamkeits- und Geistes-Schulung des Mahayana und der Mahamudra-Weg, zu dessen Vorbereitung und Vertiefung wir auch Visualisations-Techniken aus dem Vajrayana einsetzen. Die Form unserer Praxis ist dabei bewusst schlicht und direkt gehalten und zielt auf die Essenz der Dharmalehre ab.

Für diesen Weg liegt ein von Ringu Tulku Rinpoche anerkanntes Curriculum vor, in dessen Rahmen ich die Lehre weitergebe und die Praktizierenden in ihrer Praxis und bei Retreats anleite.

Unser Zentrum ist ein Ort der Achtsamkeit und Stille, geführt als Tempel und Rückzugsort. Dort finden die regulären Gruppen und kurze Retreats für die Praktizierenden des Dharma-Tores auf verschiedenen Stufen der Praxis statt. Nach und nach soll unser Stiftungsprojekt verwirklicht werden, indem das Zentrum für mehr Retreatplätze ausgebaut wird – auch für Praktizierende, die auf lange Zeit ein Leben im Retreat in Verbindung mit sozialem Engagement für das Zentrum und den Sangha wählen und auch das Alter im Retreat verbringen möchten.

Wer den WEG bei uns lernen, üben und vertiefen möchte, ist willkommen. Es spielt keine Rolle, ob der Interessent den buddhistischen Weg erst kennen lernen möchte oder aus welcher Tradition der Praktizierende kommt, ob aus dem Theravada, Zen oder einer Richtung des Vajrayana. Wichtig ist allein die Bereitschaft und Offenheit, den Weg bei uns zu gehen und zu vertiefen. Der Einstieg ist aus allen Richtungen und zu jeder Zeit möglich.

Tue nichts Böses, vollbringe Gutes und läutere deinen Geist.
Das ist die Lehre des Buddha

Dhammapada 183