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Dharma-Beiträge

Anleitung für die tägliche Übung

Wende deinen Geist dem Dharma (der Lehre des Buddha) zu. Lass den Dharma zu deinem Weg werden. Der Weg – die Praxis des Dharma – vertreibt Verwirrung (d.h. falsche Sicht, Ego-Konzepte, Geistesgifte). Verwirrung verwandelt sich in ursprüngliches Gewahrsein.

Die vier Dharmas (Lehrsätze) von Gampopa

Sitze wie ein Berg, sei offen wie der Himmelsraum

Kurze Anleitungen für die Übung der Meditation und für die Anwendung im Alltag

Ani Karma Tsultrim


Medizin-Buddha

Die heilende Kraft buddhistischer Praxis

Der eigentliche Sinn buddhistischer Meditation, insbesondere durch die Methoden der Vajrayana-Praxis, liegt in einem tiefgreifenden inneren Heilungsprozess bis in die subtilsten Ebenen unseres Geistes mit entsprechender positiver Auswirkung auch auf den gröberen Ebenen des Körpers und seiner Energien, wenn sich die Natur unseres Erwachungs-Potenzials nach und nach öffnet.

Jahrhunderte lange Erfahrung zeigt, dass eine der kraftvollsten Heilmethoden die tiefe Sitzmeditation ist. Was wird geheilt? Der Buddha lehrte, dass die Wurzel aller Krankheit Gier, Hass und Verblendung in allen Variationen und Intensitäten sind. Diese grundlegenden Geistesgifte beherrschen unser Leben, erzeugen Verhaltensmuster des Ego mit all seinen Schutz- und Verteidigungs-Mechanismen, und verpesten unsere Gefühle, Reaktionen und unser Erleben. Selbst unsere Liebe und unser Mitgefühl sind nicht frei davon – sie sind nicht selbstlos, bedingungslos, weit und offen. Die Folge sind Blockaden in unserem Energie- und Nervensystem, Veränderungen und Störungen im Stoffwechselsystem und als Folge Kraftlosigkeit oder Stress bis hin zu körperlichen Krankheiten.

Buddhistische Meditation beschäftigt sich nicht mit Symptomen. Sie greift an der Wurzel an, um uns in einem ganzheitlichen Sinn gesunden zu lassen. Es ist ein Prozess, der Geduld und Einsatz erfordert – entspannten, freudigen Eifer für die Praxis.

Schweigen, Meditieren, Kontemplieren

Schweigen heißt nicht, nicht sprechen dürfen. – Es bedeutet:
Innere Ruhe finden, so dass das Bedürfnis zu Sprechen vergeht. Wach und aufmerksam sein, so dass wir uns ohne Worte verstehen. In sich hinein schauen, um Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen.

Meditieren heißt nicht, in sich versinken und die Zeit absitzen. – Es bedeutet:
Methoden vertiefen, um an unserem Geist zu arbeiten. Leidverursachende Verhaltensmuster und Konzepte erkennen, Blockaden lösen, frei werden. In die subtilen Ebenen unseres Geistes hinein gehen, um Karma aufzulösen und unser Buddha-Potenzial zu erwecken.

Kontemplieren bedeutet nicht, Dharma-Inhalte mit intellektuellem Denken zu analysieren. Es bedeutet:
Mit meditativer Einsicht eines beruhigten Geistes zu erfahren, dass wir unser Ego gar nicht brauchen. Wir halten daran fest, wie ein Vogel, der meint, dass er ohne seinen Käfig nicht leben kann, weil er nie etwas anderes kennen gelernt hat. Das ist Verblendung. Wir müssen diese Verblendung durchbrechen.

Die Übung

Jedes Sitzen ist das erste Sitzen. Es ist frisch, lebendig, spannend. –
Der Anfängergeist ist wach, neugierig, offen für alles, was kommt. –
Wir müssen den Anfängergeist bewahren. So müssen wir üben. –

Übe, übe, übe...
Dann – lass alle Praktiken los, vergiss die Visualisationen. –
Sitz einfach in Einheit von Körper und Geist. –
„Heiter gelassenes Widerspiegeln“
von allem, was ist.

Einfachheit, Frische, Klarheit. – Hör den Ton der Stille. – Füll den Raum mit Schweigen.

Wir brauchen keine Worte, um uns zu verstehen.
Wir können durch den Raum verbunden sein. –
Wunderbar.

Jeder Atemzug ist Leben und Sterben. –
Bewegung und Ruhe. –
Fließen und Loslassen.

Wenn du sitzt, musst du das Sitzen sein. –
Wenn du dich verbeugst, musst du die Verbeugung sein. –
Du bringst dich im Sitzen zum Ausdruck. Es ist dein ganzes Sein. –
Du bringst dich im Verbeugen zum Ausdruck. Es ist dein ganzes Sein. –
Du bringst dich im Austeilen der Speise zum Ausdruck. Es ist dein ganzes Sein. –

Geh, geh einfach weiter, immer geradeaus. –
Und du bist in jedem Moment zu Hause.
Fließe, fließe weiter. Nicht am Ufer einhalten.
Weiterfließen, weiterfließen... in die offene Grenzenlosigkeit hinein. –
Einfach weiterfließen.

Sei wie du bist –
Sei einfach da – ganz da. –
Geist offen, klar, leuchtend-leer wie der Raum. –
Dann begegnest du dir. –
Geh immer weiter, geradeaus –
Mitten in dein Herz hinein.
Dann bist du angekommen. –

Sei wie ein Vogel, der seine Runden im leeren Raum dreht.
Manchmal fliegt er durch Wolken und Nebel,
Manchmal fliegt er an Wolken vorbei. –
Aber Wolken und Nebel können seinen Flug nicht aufhalten, nicht behindern. –
Er zieht seine Kreise im weiten Raum.
Keine Spur zu sehen. –
Kein Weg zu sehen. –
Nichts hinter ihm, nichts vor ihm. –
Nichts als Fülle des leeren Raumes.
Vollkommene Einfachheit – Mahamudra, Zen-Geist, Buddhanatur. –
Lass alle Bezeichnungen los,
Sei wie der Vogel im leeren Raum –
Und dann vergiss auch den Vogel, vergiss den Raum ...

Den Geist zähmen

Die hier gezeigte Übung besteht aus vier Teilen und basiert auf dem traditionellen Geistes-Training. Sie ist eine Vorbereitung für die Entwicklung von Bodhicitta und arbeitet daran, unsere gewohnheitsmäßigen, leidverursachenden Verhaltensweisen aufzulösen.

Vorbereitende Betrachtungen

Um an unseren Konzepten und karmischen Mustern zu arbeiten, müssen wir die tieferen, subtileren Ebenen des Geistes erreichen. Es genügt nicht, über Leiden und unsere Verstrickung im Leiden nachzudenken. Es genügt nicht, die Vergänglichkeit des Glücks zu erkennen, das uns immer wieder entgleitet und das wir vergeblich festzuhalten versuchen. Natürlich müssen wir zuerst auf der intellektuellen Ebene nachdenken und diese Dinge erfassen und verstehen, um eine klare Sicht zu bekommen. Aber dann folgt das Training. Nach dem Verständnis muss irgendwann die Erfahrung kommen, und nach der Erfahrung irgendwann die Verwirklichung, das heißt die Befreiung von falscher Sichtweise und leidverursachenden Geistes-Zuständen.

Alle Situationen, in denen wir in der Welt verstrickt sind, sind letztendlich leidvoll und alles Glück, dem wir in der Welt begegnen, ist vergänglich. Je mehr wir Glück festzuhalten versuchen und je mehr wir Leiden ablehnen, desto mehr verstricken wir uns in Leiderfahrungen. Das Glück entgleitet uns, weil alles vergänglich und veränderlich ist. Leiden können wir nicht aufhalten, weil alles was entstanden ist, sich auch wieder verändert und vergehen muss. Das ist ein natürlicher Prozess. Aber da der Mensch Glück sucht und Leiden nicht ertragen möchte, da alle Wesen Glück suchen und Leiden nicht ertragen wollen, reagieren sie, indem sie Glück festhalten und Leiden verdrängen, abwehren. Dadurch wird alles leidvoll. Sogar das Glück wird dadurch letztendlich leidvoll, weil man ständig Angst hat, dass es vergeht. Das ist Samsara, der Leidens-Kreislauf, in dem alle Wesen verstrickt sind.

Der Weg zur Befreiung bedeutet, dass wir unsere Reaktionen in einer Weise verändern, damit wir nicht mehr leiden. Leiden gibt es immer, solange wir in der Welt sind, da eben alles in ständiger Veränderung, Verwandlung ist. Aber wir können lernen, nicht mehr an dieser Veränderung und Vergänglichkeit zu leiden. Es gibt niemanden, der im Laufe des Lebens nicht schweres Leid erfährt, niemanden, der nicht liebe Menschen verliert, niemanden, der nicht Krankheit und die Leiden des Alters erfährt. Aber wir können aufhören an diesem Leiden zu leiden. Wir haben einen vergänglichen Körper, alles mit dem wir im Leben konfrontiert werden, ist vergänglich, weil es in Abhängigkeit entstanden und zusammengesetzt ist. Das muss man tief verstehen, erfahren und akzeptieren lernen. Dann löst sich das Leiden auf. Aber da die Ursachen für unsere Verhaltensweisen in sehr, sehr tiefen Schichten des Geistes gespeichert sind, die Reaktions-Mechanismen, Konzepte, all das, können wir auf der Ebene des Tages-Bewusstseins und des intellektuellen Denkens nicht viel bewirken, um uns zu ändern, um leidfrei zu werden. Deshalb müssen wir viel an uns arbeiten, mit geschickten Methoden, mit Geistes-Training, um die Reaktionsweisen zu ändern. Es geht darum, wie wir auf Situationen reagieren. Das ‚wie’ ist wichtig. Nicht die Situation ist das eigentliche Problem, sondern es ist unsere Reaktionsweise. Wenn es die Situation wäre, würden nicht verschiedene Menschen in derselben Situation unterschiedlich reagieren. Und wenn die Situation die Ursache wäre, dann würde sich auch kein Wesen von Leiden befreien können. Da aber der Buddha und andere sich vom Leiden befreien konnten, gibt es diesen Weg, der aus dem Leiden, aus Samsara herausführt.

Wir müssen mit Geduld und Ausdauer an uns arbeiten, um eine Umwandlung zu bewirken. Dabei sollten wir unsere Praxis so gestalten, dass sie Freude macht. Und was kann uns mehr Freude bereiten, als ein Weg zur Leidfreiheit?

Die Übung

Meditative Vorbereitung

Lass den Atem sanft ein und aus fließen, bis du eine angenehme Ruhe spürst. Visualisiere ein kleines hell-leuchtendes Licht in deiner Körper-Mitte. Lass beim Ausatmen die Luft durch dieses Licht strömen. Es beginnt nach einiger Zeit stärker zu leuchten und zu strahlen.

1. Leiden annehmen

Nun stell dir eine Situation vor, die für dich leidvoll war. Versuche nicht, die Erfahrung zu verdrängen oder davor wegzulaufen. Schau sie an, geh in das leidvolle Gefühl hinein. Nimm es an.
Denk an alle Wesen, die ebensolches Leid erfahren müssen. Betrachte dein Leid als das Leid all dieser Wesen.
Jetzt schau zu, wie das Licht in dir dieses Leiden aufzulösen beginnt, so wie das Licht der Sonne alle Dunkelheit vertreibt. Lass das Licht bei jedem Ausatmen stärker strahlen. Lass Liebe und Mitgefühl in dir entstehen und sende Licht, Liebe und Mitgefühl aus. Wünsche von Herzen, dass alles Leid der Wesen sich auflöst. Sende ihnen dein Licht, deine Liebe und entspanne in einem befreiten, freudvollen Zustand.

2. Glück und Freude teilen

Betrachte eine Situation, die dir Glück und Freude bereitet hat.
Geh ganz in diese Erfahrung von Glück und Freude hinein.
Nun mach deinen Geist weit auf und fülle ihn mit dieser Erfahrung an.
Denk an all die vielen Wesen, die auch gerne glücklich wären. Wünsche von ganzem Herzen, dass sie ebensolches Glück, solche Freude erfahren mögen.
Nun teile dein Glück, sende es mit dem Licht in dir aus, um alle Wesen teilhaben zu lassen.
Sei offen und frei und gib.
Erfahre die Freude des Gebens und der Mitfreude.

3. Erkenne das Ego als Verursacher des Leids

Stell dir eine Situation vor, in der du mit jemandem uneinig warst, gestritten hast. Betrachte die Situation wie ein neutraler Beobachter. Schau vor allem dich an, deine Reaktionsweise.

Und dann zieh den Stachel aus der Situation. Nimm dein Ego heraus, das unbedingt Recht haben will.

Erkenne, dass du nicht die Änderung der Umstände erzwingen kannst. Erkenne, dass du nicht den anderen ändern kannst. Wenn du es versuchst, geht der Stachel tiefer. Aber du kannst dein Verhalten ändern. Dies ist eine Chance für Ruhe und Frieden. Es ist eine Chance, um Leiden aufzulösen. Lass deine Erwartungen los, dann wirst du frei. Dann wirst du friedvoll. Und die Situation löst sich auf. Such nicht die Schuld beim anderen. Er kann sich nicht ändern, aber du kannst es. Entwickle Mitgefühl für den anderen, der sich selbst Leiden schafft.

4. Mach dich frei von Erwartungen

Erinnere dich an eine Situation, in der du große Erwartungen hattest, die sich dann nicht erfüllt haben. Geh in das Gefühl der Enttäuschung hinein.
Betrachte die Sinnlosigkeit der Erwartungs-Haltung. Löse sie auf, mach dich frei davon. – Sei einfach, wie du bist, offen und frei.
Genieße den Zustand, keine Erwartungen haben zu müssen.

Abschließende Betrachtungen

Diese Übungen zeigen uns, wie sehr wir selbst Verursacher von Leiden sind. Wir haben die Möglichkeit, viel Leid für uns selbst und für andere zu verhindern, wenn wir uns mit diesen Übungen vertraut machen. Wir können nicht die Welt ändern, wir können nicht andere Menschen ändern, aber wir haben die Möglichkeit an uns zu arbeiten, um uns zu ändern. Wenn viele das tun, ändert sich auch die Welt. Aber wir können nicht erwarten und darauf warten, dass die anderen anfangen. Wir selbst müssen in uns beginnen.

Wenn wir unsere Erwartungen loslassen, unser Ego-Denken zurücknehmen und aus schwierigen Situationen den Stachel heraus ziehen, schaffen wir die Grundlage für Frieden in uns und in unserer Umgebung. Wenn wir aufhören, so sehr verletzbar zu sein, verletzen wir auch nicht mehr. Wir haben die Wahl für unser Verhalten. Wir haben in jeder Situation, in jedem Moment die Wahl. Wir werden lernen, Mitgefühl und Weisheit zu entwickeln. Unsere Meditation hilft uns dabei, die Umstände im Alltag sind unser Übungsfeld. Das ist die Praxis. Das ist Dharma-Praxis zu unserem Wohl und zum Wohl der anderen Wesen.

In dieser Weise zu praktizieren gibt uns das Geschenk, der Befreiung entgegen zu gehen. Es ist das höchste Geschenk, das wir in diesem Leben haben können. Es gibt kein größeres Geschenk.

Schlüsselpunkte für die Praxis

  1. Lass Erwartungen und Wünsche los. Dadurch wirst du frei von Enttäuschungen. Dein Geist wird zu einem klaren Spiegel, der alles reflektiert, so wie es ist. – Verweile in klarer Bewusstheit und betrachte alles als Spiel der Illusion.
  2. Werte und urteile nicht über andere. Schau auf deine eigenen geistigen Schleier, Konzepte und Projektionen. – Betrachte dein Ego-Konzept wie eine Wolke im weiten Himmelsraum. Dadurch zerbrichst du den Käfig deiner Verstrickungen. Dein Geist wird weit, offen, friedvoll und glückselig.
  3. Erkenne das Leiden aller Wesen als Folge ihrer verblendeten Sicht. Sie können ihre wahre Natur nicht sehen und so wandern sie hilflos im Samsara. – Der Wunsch ihnen zu helfen, wird so stark, dass dein Weg des Erwachens zum Weg der Befreiung für alle Wesen wird.
  4. Betrachte die ständige Verwandlung aller Dinge als ein Spiel der Elemente. Transformiere dich selbst jeden Tag mit Körper und Geist und erfahre deine Erscheinung als Spiel der fünf Lichter und der fünf Weisheiten. – Dann verstehst du den Tod und deine Buddhanatur scheint auf.

Das ist der Ganze Weg. Alle Übungen, alle Methoden, all das Studium und die Praxis sind für nichts anderes da, als für das!

Die dreifache buddhistische Geistesschulung besteht aus der Tugend,
der Meditation und der Weisheit.
Tugend ist Lauterkeit des Herzens. Meditation bedeutet, klar bewusst und unberührt von Sinneseindrücken in der inneren Stille zu verweilen. Sich der Gelassenheit und Lauterkeit bewusst zu sein, ohne eine Vorstellung von Gelassenheit und Lauterkeit zu bilden, ebenso bei Gut und Böse und allen anderen Gegensätzen unberührt zu bleiben, unabhängig und im Frieden – das ist Weisheit.
Wer Einsicht hat in das Wesentliche der Dreifachen Übung und erkennt, dass es nichts zu erreichen und zu unterscheiden gibt, der begreift die Übung in ihrer Unteilbarkeit.

Hui Hai, Chan-Meister